Israels Premierminister Benjamin Netanjahu übernimmt selbst die konkrete Planung eines gemeinsamen Gebetsbereichs für Männer und Frauen an der Westmauer in Jerusalem. Das Projekt bleibt aber weiterhin umstritten.

Das Beten an der Westmauer in Jerusalem ist bisher nur in getrennten Bereichen für Männer und Frauen erlaubt. Im orthodoxen Judentum gilt eine strikte Trennung von Männern und Frauen im Gottesdienst und auch in anderen Bereichen. Foto: Flash90

 

Bereits am 27. Juni 2018 hatte Kultur- und Sportministerin Miri Regev bekanntgegeben, als Vorsitzende des verantwortlichen Ausschusses zurückzutreten. Sie könne die Arbeit an dem Gebetspavillon nicht genehmigen und dies nicht mit ihrem Gewissen und der „jüdischen Tradition“ vereinbaren, zitiert die Onlinezeitung „Times of Israel“ die Politikerin. Deswegen ließ Netanjahu sie zurücktreten.

Am 1. Juli 2018 zog sich dann auch Justizministerin Ajelet Schaked aus dem Ausschuss zurück. Damit haben sich innerhalb weniger Tage zwei Ministerinnen von der Arbeit an den Plänen verabschiedet. Beim wöchentlichen Kabinettstreffen am 1. Juli 2018 fragte Netanjahu (Likud) die Minister seiner Partei, wer die Leitung des Komitees anstatt von Regev übernehmen könne. Doch als Antwort erhielt er nur ein Schweigen, schilderte ein Teilnehmer des Treffens der „Times of Israel“. Keiner der Minister erklärte sich bereit, die Aufgabe zu übernehmen.

Sandberg: „Regierung von Feiglingen“

Netanjahus Antwort folgte: „Ich werde mich selbst um das Abkommen zur Klagemauer kümmern.“ Beim anschließenden Kabinettstreffen forderte Innenminister Arjeh Deri (Schas) den Premierminister auf, die Pläne fallenzulassen und stattdessen über eine Alternative mit dem israelischen Oberrabbinat zu beraten.

Die Meretz-Politikerin Tamar Sandberg empörte sich anschließend über das Schweigen der Minister. „Dieser Staat wird von einer Regierung von Feiglingen angeführt. Nicht ein einziger Minister ist bereit, die Klagemauerpläne zu verwirklichen. Die Minister, die wissen, wie man ins Mikrofon schreit, saßen nur schweigend da“, sagte Sandberg laut der Tageszeitung „Yediot Aharonot“. „Sie sind gelähmt von der Angst vor den Haredim, und sie sind bereit, ihre Verbindung mit dem Weltjudentum zu opfern und demütigen weiterhin Juden, die nicht im Einklang mit dem Oberrabbinat sind.“ Israel brauche eine neue Regierung, die „gute Politik“ mache, und keine, „die still bleibt, wenn sie eigentlich Maßnahmen ergreifen muss“.

Minister geben „heiße Kartoffel“ an Netanjahu weiter

Die Errichtung einer gemischten Gebetszone begleitet Israel bereits mehrere Jahre. Anfang 2016 sprach sich das israelische Kabinett in einer historischen Entscheidung für einen Gebetsbereich für Männer und Frauen an der Westmauer aus. Das Votum sah die Organisation „Frauen von der Mauer“ als Erfolg. Diese hatte seit ihrer Gründung 1988 Gleichberechtigung gefordert: Frauen sollen wie Männer den jüdischen Gebetsschal Tallit und die Gebetsriemen Tefillin tragen sowie laut aus der Tora-Rolle vorlesen dürfen. Aus Sicht der zuständigen Geistlichen entweihen Frauen damit jedoch das Gebiet um die Westmauer.

Im Juni 2017 hatte die Regierung die Pläne überraschend auf Eis gelegt. Daraufhin wendete sich die Jewish Agency erstmals in der Geschichte mit einer Resolution gegen die Regierung. Darin fordert sie die Regierung auf, die Entscheidung rückgängig zu machen. Netanjahu stimmte später doch für die Errichtung der Plattform. Im Februar 2018 begann der Bau des Bereichs. Die israelischen Medien sprechen nun davon, dass die Minister die „heiße Kartoffel“ an Netanjahu weitergegeben haben. (Israelnetz)

 

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