Als erster israelischer Premier hat Benjamin Netanjahu einen Staatsbesuch in Litauen durchgeführt. Dort erinnerte er auch an die 195.000 in dem baltischen Land von den Nazis ermordeten Juden und sprach über seine eigenen litauischen Wurzeln.

Israels Premier Netanjahu mit seiner Ehefrau Sara am Mahnmal für jüdische Opfer im Wald bei Paneriai (ehemals Ponary bei Vilnius/Litauen) am 24. August 2018. Dort wurden zwischen 1941 und 1944 durch Massenerschießungen mehr als 100.000 Menschen von den Nazis ermordet, unter ihnen etwa 70.000 Juden sowie Russen, Polen und Litauer. Foto: GPO/Amos Ben-Gershom

 

Netanjahu besuchte auch das Holocaust-Mahnmal bei Paneriai und die Choral-Synagoge von Vilnius, die einzige Synagoge in der litauischen Hauptstadt, die den Zweiten Weltkrieg überdauert hat. In Anwesenheit des litauischen Außenministers Linas Linkevicius sprach er dort am 26. August 2018 über die während des Holocaust in Litauen ermordeten Juden, über seine litauische Familiengeschichte und aktuelle Gefahren für Israel.

„Meine Familie hat tiefe litauische Wurzeln“, erzählte der Premier laut einer Mitteilung seines Büros. Von beiden elterlichen Seiten sei er ein litauischer Jude. Er sei ins ehemalige jüdische Vilna-Ghetto als der „Kopf eines stolzen, starken und fortschrittlichen jüdischen Staates“ zurückgekehrt. In den 75 Jahren seither hätten aber nicht die Versuche abgenommen, das jüdische Volk zu zerstören. Der Iran und die Hamas sprächen öffentlich über die Absicht, Israel zu zerstören. „Was sich verändert hat, ist unsere Möglichkeit, sich selbst zu verteidigen“, sagte Netanjahu.

„Am Samstag sind wir durch die Straßen des Vilna-Ghettos gelaufen“, ergänzte der Premier. „Wir haben die jüdischen Wohnungen gesehen. Sara sagte, sie habe die Gesichter der kleinen jüdischen Kinder von vor 75 Jahren gesehen.“ Sie hätten das jüdische Theater betrachtet und geglaubt, die Violinmusik von damals hören zu können.

„Wir haben den jüdischen Widerstand im Ghetto wahrgenommen“

Auch die Ruinen der knapp 100 jüdischen Synagogen seien ihnen nicht entgangen. Die Barrikaden seien ihnen aufgefallen, wo Jechiel Scheinbaum und seine Kameraden bis zum Tod gegen die Nationalsozialisten gekämpft hätten. „Wir haben den jüdischen Widerstand im Herzen des Ghettos wahrgenommen“, sagte Netanjahu. Ihren aufgehängten Bildern an den Wänden des Ghettos hätte er gerne zugerufen: „Wir sind hier, wir sind zurück und am Leben.“

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten mehr als 200.000 Juden in Litauen. Vilnius galt als das „Jerusalem des Nordens“. Bei der deutschen Besatzung wurden unter Mithilfe von Kollaborateuren um die 195.000 Juden ermordet. Heute leben rund 3.000 Juden in Litauen.

Der israelische Premier betonte die Gemeinsamkeit von Israel und Litauen. Die beiden Länder seien kleine Demokratien, die sich Herausforderungen selbstbewusst stellen würden. Diese könnten gemeinsam noch besser gelöst werden.

Ebenfalls zum ersten Mal nahm Netanjahu am Baltischen Gipfel teil. Dabei traf er am 24. August 2018 den litauischen Premier Saulius Skvernelis, den lettischen Premier Maris Kucinskis und den estnischen Premier Juri Ratas. Sie sprachen über die Verbesserung ihrer diplomatischen Bündnisse. Sie wollen in der Zukunft vor allem auf dem Hightech- und Sicherheitssektor enger zusammenarbeiten.

Kritik an Netanjahus Besuch

Netanjahus Besuch in Litauen war nicht unumstritten. Der israelische Nazijäger Efraim Zuroff kritisierte die diplomatische Annäherung an das baltische Land. In dessen Augen haben die Litauer nicht genug getan, um ihre Rolle im Holocaust zu hinterfragen. Ein Facebook-Zitat von Zuroff lautet: „Die litauische Regierung zu loben, dass sie der Scho’ah gedenkt, ist so, als ob man den Ku-Klux-Klan für sein Bestreben lobt, die Rassen-Beziehungen in den USA zu verbessern.“

Netanjahu hatte sich bei seiner Rede in Vilnius bei der litauischen Regierung für ihr „Einstehen gegen Antisemitismus und für die Wahrheit“ bedankt. Der Premier besuchte auch mit seiner Frau Sara das Mahnmal für jüdische Opfer in Panerriai, was früher Ponary hieß. Dort wurden bei Massakern mehr als 100.000 Russen, Polen und Litauer von den Nazis umgebracht. Schätzungen nach waren darunter bis zu 70.000 Juden.

Ein litauisches Forschungszentrum hat über die vergangenen Jahrzehnte 2.000 Litauer identifiziert, die verdächtigt werden, am Holocaust beteiligt gewesen zu sein. Gleichzeitig sind 900 Litauer von Israel mit dem Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet worden. Diese Auszeichnung erhalten Menschen, die ihr Leben für jüdische Mitbürger während des Zweiten Weltkrieges eingesetzt haben. Als Litauen Teil der Sowjetunion war, wurde der Holocaust tendenziell verschwiegen oder verdreht dargestellt. Eine richtige Aufarbeitung begann erst, als sich Litauen im Jahr 1990 von Russland löste. (Israelnetz)

 

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