Mein lieber Ljowa bekam das letzte Waffelherz von meiner Mutter. Das letzte Mal hat er mir vor versammelter Mannschaft in Uman seinen großen Respekt für unsere Arbeit bekundet und einen schon leicht vergilbten Bildband über seine Stadt überreicht, mit Handkuss.

In einem jüdischen Schtetl bei Poltawa hat er den ersten Teil seiner Kindheit verbracht. Dann mussten sie sich mit leichtem Gepäck und Wertsachen für den angeblichen Transport nach Palästina am Dorfplatz einfinden. Polizisten, Gewehre, Hunde… An der Wegbiegung war klar, wo es hin ging. In Sekundenschnelle wurden der kleine Ljowa und seine Schwester zur Seite gezogen – eine ukrainische Freundin der Mutter hatte sie begleitet und wurde mit ihrem ukrainischen Pass aus der Menschenschlange entlassen. Im Gebüsch konnten die beiden Kinder verschwinden, während ihre Familie weitergetrieben wurde. In ihrem Heimatort konnten sie nicht bleiben, also schlugen sie sich nach Uman durch, wo keiner sie kannte. Der Vater war an der Front.

Hungrig schlich sich der unauffällige blonde Ljowa mit seinen Freunden in die Nähe der deutschen Feldküche, wo es unwiderstehlich nach Essen roch. „Komm her, Iwan“, rief ein Soldat ihm zu und schöpfte einen Suppenrest in seine Blechdose. So überlebte Ljowa. Manchmal fanden sie Bonbonpapier von den Deutschen im Müll und schnupperten stundenlang daran. Nach dem Krieg kam Ljowas Vater von der Front zurück, die beiden fanden aneinander Halt.
Die Fotos seiner Eltern hängen im Wohnzimmer. Vor 20 Jahren hat Ljowa auch seine Frau begraben. „Bei euch gab es nach dem Krieg einen Marshallplan. Ihr hattet einen – na, wie hieß er gleich? Genau! Adenauer! Ihr habt mit eigener Hände Arbeit euer Land wiederaufgebaut. Das ist ja auch nicht vom Himmel gefallen“, meint Ljowa.

Bild: Anemone Rüger: „Ljowa“

„Uns waren solche Regierungschefs, wie auch eure Angela Merkel, leider nicht vergönnt. Vielleicht haben wir sie nicht verdient… Und so kommt es, dass es euch heute viel besser geht als uns, die wir eigentlich den Krieg gewonnen haben… Meine tiefe Verbeugung vor euch, dass ihr uns nicht vergesst und uns Rentnern in der jüdischen Gemeinde helft. Ich wünsche euch Gesundheit, Liebe, Glück und nur das Allerbeste!“

Autor: Anemone Rüger