Traditionell halten staatliche Institutionen in Israel zum jährlichen Holocaustgedenktag Zeremonien ab. In diesem Jahr können sie nicht wie gewohnt stattfinden, doch es gibt Online-Angebote, der Opfer zu gedenken.

Während der Online-Zeremonie von Yad Vashem zum Holocaust-Gedenktag in Israel am Vorabend des 21. April 2020. Foto: Yad Vashem/Sreenshot Christen an der Seite Israels

 

Im Hebräischen wird der Holocaustgedenktag als „Tag der Erinnerung an die Scho‘ah und das Heldentum“ bezeichnet. Israel begeht ihn am 27. Tag des jüdischen Kalendermonats Nissan. Dieses Datum hatte die Knesset im April 1951 festgesetzt und wird seitdem sowohl von der Regierung als auch von jüdischen Gemeinschaften und Einzelpersonen weltweit wahrgenommen. In diesem Jahr hat der Jom HaScho’ah am Vorabend des 21. April 2020 begonnen.

An diesem Tag gibt es in Israel keine öffentlichen Vergnügungen. Kinos, Theater und Clubs sind geschlossen. Seit den frühen 1960er Jahren sorgt eine Sirene morgens um 10 Uhr dafür, dass das öffentliche Leben im ganzen Land zum Stillstand kommt und zwei Schweigeminuten begangen werden. Der Tag fällt auf den siebten Tag nach dem Pessachfest sowie eine Woche vor den Jom HaSikaron, den „Tag des Gedenkens an Israels gefallene Soldaten und Terror-Opfer“.

Weil wegen der Corona-Krise in diesem Jahr keine offizielle Gedenkzeremonie stattfinden kann, wurde die Auftaktveranstaltung zum Holocaust-Gedenktag im Vorfeld aufgezeichnet. Ab 19.00 Uhr MEZ war diese auf der Internetseite von Yad Vashem zu sehen. Teilweise gab es eine Übersetzung ins Deutsche und vier weitere Sprachen. Die Veranstaltung stand unter dem Titel „Rettung durch Juden während des Holocaust: Solidarität in einer zerfallenden Welt“. Im Gedenken an die sechs Millionen ermordeten Juden während der Scho‘ah entzündeten sechs Überlebende je eine Fackel. Ihre Geschichten waren Teil der Zeremonie.

Auch „Erinnerung im Wohnzimmer“ übers Internet

Trotz der traditionellen Gedenkveranstaltungen haben junge Israelis vielfach keinen Bezug zu diesem besonderen Tag entwickelt. Daher gründeten junge Tel Aviver Einwohner 2009 die Initiative „Erinnerung im Wohnzimmer“, bei der Holocaustüberlebende vor jungen Besuchern in einem privaten Umfeld ihre Geschichte erzählen. In den vergangenen Jahren wuchs die Organisation sehr stark und Hunderttausende Israelis und Juden weltweit nahmen an den Veranstaltungen teil. In diesem Jahr bietet die Jewish Agency im Rahmen von „Erinnerung im Wohnzimmer“ eine virtuelle Begegnung mit der Holocaustüberlebenden Leah Hason an.

Hason wurde in Butschatsch, in Galizien, geboren, das heute in der Ukraine liegt. Als sie vier Jahre alt war, wurde ihr Vater in ein Konzentrationslager verschleppt und umgebracht. Am Telefon berichtet Hason am Montagmittag: „Das Lager existiert heute nicht mehr. So viele sprechen über Auschwitz. Doch wir dürfen nicht vergessen, dass der Großteil der Juden in vielen anderen Lagern umgebracht wurde.“ Lea und ihre Mutter waren die einzigen Überlebenden der Scho‘ah in ihrer Familie. „Natürlich ist es nicht das gleiche, wenn ich meine Geschichte am Telefon oder über das Internet erzähle. Aber es ist wichtig, dass ich es tue. Ich hoffe, dass meine Zuhörer die Botschaft verstehen.“

Herzog: Online-Veranstaltungen dieses Jahr besonders wichtig

Der Vorsitzende der Jewish Agency Isaak Herzog betonte die Wichtigkeit dieser Veranstaltung: „An diesem Jom HaScho‘ah, wo unsere direkten Kontakte auf ein Minimum reduziert sind, ist es umso wichtiger, dass wir Holocaustüberlebenden zuhören, die allein in ihren Wohnungen sitzen. Wir wollen die technologischen Möglichkeiten dazu nutzen, ihre Erinnerungen zu hören.“

Auch Herzog sprach in dieser Veranstaltung über seine Beziehung zur Scho‘ah. Sein Vater Chaim, sechster Präsident Israels, war als Offizier der Britischen Armee während des Zweiten Weltkriegs einer der ersten Soldaten, die 1945 die das Lager Bergen-Belsen betraten und die Häftlinge befreiten. Die Veranstaltung wurde am 20. April 2020 um 20 Uhr MEZ live auf Hebräisch übertragen. Am 21. April wird es zur gleichen Zeit eine Übertragung in englischer Sprache geben.

Auf der Webseite von „Erinnerung im Wohnzimmer“ hätten sich für Veranstaltungen in diesem Jahr bereits eine Million Menschen angemeldet, die Geschichten von Überlebenden hören möchten, berichtet Dana Sender-Mulla, eine der Initiatoren des Vereins, am Telefon. Im vergangenen Jahr hätten Erinnerungsveranstaltungen in 54 Ländern stattgefunden. „Von Jahr zu Jahr ist es schwerer, Holocaust-Überlebende für dieses Format zu gewinnen. Es gibt nicht mehr viele Überlebende und viele haben gesundheitliche Probleme. Trotz der erschwerten Bedingungen in diesem Jahr werden in diesem Jahr mehr als 300 Menschen von ihren Erlebnissen während der Scho‘ah berichten.“

„Marsch der Lebenden“ beim 32. Mal online

Seit 1988 veranstaltet die jüdische internationale Organisation „Marsch der Lebenden“ einen alljährlichen Gedenkmarsch. Es ist ein Marsch des Erinnerns vom Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz in das drei Kilometer entfernte Birkenau. Hauptteilnehmer sind Studenten, Holocaust-Überlebende, Bildungskräfte und führende Personen des gesellschaftlichen und politischen Lebens. Seit 15 Jahren nehmen auch vermehrt Nichtjuden an diesem Ereignis teil.

Angesichts der aktuellen Situation ließ der Vorsitzende der Organisation, Shmuel Rosenman, mitteilen: „Es ist das erste Mal in 32 Jahren, dass der Marsch der Lebenden am Holocaustgedenktag nicht stattfinden kann. Doch unmöglich konnten wir Auschwitz-Birkenau an diesem wichtigen Tag allein lassen. Wir haben unsere Aktivitäten einfach in den virtuellen Raum verlegt. In der vergangenen Woche haben wir Tausende von virtuellen Botschaften hochgeladen und viele von ihnen werden in Birkenau an das Tor ‚Arbeit macht frei‘ projiziert. Die Botschaft der Nachrichten ist stark und klar – Nie wieder!“

Auch diese Veranstaltung konnte online gesehen werden. Gleichzeitig sollten die Nachrichten auch an die Wände des Tel Aviver Nationaltheaters „HaBima“ projiziert werden. Mehr als 10.000 Botschaften sind aus über 60 Ländern eingegangen.

Der israelische Gedenktag orientiert sich am Warschauer Ghettoaufstand. Die Vereinten Nationen legten 2005 den Internationalen Holocaust-Gedenktag am 27. Januar fest. An diesem Tag 1945 befreite die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz. (Israelnetz)