„Kommt herein, Mädchen“, ruft Anna uns zu und umarmt uns. „Nein, ihr braucht keine Schuhe ausziehen. Helft mir mal, den Küchentisch ins Wohnzimmer zu tragen.“ Wir befinden uns in Bila Zerkwa südlich von Kiew und besuchen heute mit unserer örtlichen Kontaktperson jüdische Kriegskinder und Holocaustüberlebende, die kürzlich in das CSI-Patenschaftsprogramm aufgenommen wurden. Wir stellen unsere mitgebrachten Lebensmitteltüten in der Küche ab und machen uns nützlich. Anna hat sich wohl schon länger vorbereitet – bald ist auch auf dem Küchentisch kein Platz mehr. Sie hat extra Kuchen gebacken, dazu einen süßen Nudelauflauf, auf Jiddisch „Kugel“, Blintschiki – gefüllte Eierpfannkuchen, und die besten eingelegten Gurken der Stadt.

Anna tritt ans Buffet und schiebt die Glastür beiseite. „Oi, wie lange ich die guten Gläser schon nicht mehr herausgenommen habe! Früher hatte ich so viele Gäste…“ Jetzt stehen die Gläser auf dem Tisch, sind mit „Kompot“ (selbstgemachtem Obstsaft) gefüllt, und wir toasten Anna zu. „Na sdarowje!“ – ein Prost auf unsere Gastgeberin. Heute morgen ging es Anna so schlecht, dass ihre Pflegerin verzweifelt unsere Kontaktperson anrief… wofür sie von Anna geschimpft bekam – niemand soll sich Sorgen machen; Anna will unbedingt ihre Gäste empfangen. Annas Tage sind gezählt – ihr Körper ist voller Metastasen.

So viele der Holocaustüberlebenden, die wir besuchen, haben Krebsoperationen vor sich oder hinter sich. Die hungrige Kriegskindheit, das sowjetische System und sein Umgang mit Menschen und Umwelt bis hin zu Tschernobyl haben ihre Spuren hinterlassen bis ins Alter der Überlebenden. Geboren 1935, hat Anna den Krieg schon sehr bewusst miterlebt. Ihr Vater wurde sofort eingezogen, ihre Mutter floh mit ihr und ihren Brüdern in den Ural. Ihr 13jähriger Bruder musste in einem Rüstungsbetrieb arbeiten, die Mutter in der Kolchose. Anna ging mit ihren kleinen Brüdern um Essen betteln. Dann kam die Vermisstenmeldung von der Front. Nach der Rückkehr auf sich gestellt, musste Annas Mutter sie und ihre kleinen Brüder drei Jahre in ein Kinderheim geben, da sie die Kinder nicht ernähren konnte.

Bild: Anemone Rüger: „Heute die guten Gläser!“

Von alledem lässt sich Anna nichts anmerken. Heute ist ihr Festtag. Sie habe für kurze Zeit in den USA und auch in Israel gelebt, erzählt sie uns. In den Staaten habe es sie zurück in ihre Heimatstadt gezogen, in Israel habe sie das Klima nicht vertragen. Und obwohl sie weder Englisch noch Hebräisch kann, habe sie sich überall verständigen können – auf Jiddisch! „Hier in unserer Stadt haben früher alle Jiddisch gesprochen, sogar die Ukrainer!“ erklärt Anna und erinnert daran, dass Bila Zerkwa einmal ein jüdisches Schtetl war.

Anna wird regelmäßig von CSI unterstützt und bekommt nicht nur die dringend benötigten Medikamente, sondern auch Aufmerksamkeit und Liebe durch unsere Partner in der jüdischen Gemeinde vor Ort.

Autor: Anemone Rüger