„Steh auf! Nie wieder Judenhass!“

Rund 8000 Menschen nahmen an der Kundgebung „Steh auf! Nie wieder Judenhass!“ am 14. September 2014 in Berlin teil. Dazu ein Interview mit Harald Eckert von der Kundgebung.

 


Angesichts der antisemitischen Hetze der vergangenen Wochen fand am 14. September 2014 in Berlin die Kundgebung „Steh auf! Nie wieder Judenhass!“ statt.

Hier das Interview mit Harald Eckert von der Kundgebung:

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„Antisemitismus ist Gotteslästerung“

BERLIN (inn) – In Berlin haben Prominente aus Kirche und Politik Antisemitismus scharf verurteilt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nannte die jüngsten antijüdischen Proteste in Deutschland einen „ungeheuren Skandal“.

Tausende waren am 14. September 2014 dem Aufruf des Zentralrats der Juden in Deutschland gefolgt, und hatten vor dem Brandenburger Tor gegen Antisemitismus demonstriert. Zu den Rednern der Kundgebung „Steh auf! Nie wieder Judenhass!“ gehörten neben der Bundeskanzlerin und dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Schneider, auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, der Regierende Bürgermeister Berlins, Klaus Wowereit (SPD), der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, und der Präsident des World Jewish Congress, Ronald S. Lauder.

Die Kanzlerin nannte den aufkeimenden Antisemitismus in Deutschland einen „ungeheuren Skandal“. Jüdisches Leben sei Teil der deutschen Identität und ausdrücklich erwünscht. „Wer Grabsteine auf Friedhöfen schändet, schändet unsere Kultur“, sagte sie. Antisemiten rüttelten an den Grundfesten der Gesellschaft. Deshalb sei der Kampf gegen solche Strömungen „bürgerschaftliche Pflicht“. Doch auch Angriffe auf Moscheen seien zu ächten. Merkel rief deshalb zu Respekt vor dem Glauben von Muslimen, Juden und Christen auf.

Kirche hat zur Judenfeindschaft beigetragen

Auch Nikolaus Schneider machte klar: „Wer in Deutschland eine Synagoge anzündet, der kritisiert dadurch nicht die Politik der israelischen Regierung. Vielmehr lieferte der Gaza-Krieg offenbar einigen einen willkommenen Anlass, ihren Antisemitismus öffentlich auszuleben.“ Auch seine Kirche müsse immer neu erkennen und aufarbeiten, dass sie zur Judenfeindschaft beigetragen habe. „Antijudaismus ist seit nahezu 2.000 Jahren auch und gerade aus christlicher Theologie und kirchlicher Lehre heraus erwachsen“, erklärte er. Dabei sei er eine „Sünde gegen den Heiligen Geist“. Schneider sagte: „Antisemitismus ist Gotteslästerung.“

Kardinal Marx erklärte, er wolle „nie wieder erleben, dass Christen und Juden gegeneinander stehen“. Dennoch beobachte auch er einen „Alltagsantisemitismus“. Auch für ihn sei das reine Blasphemie, machte er deutlich, und betonte, so zu den Juden stehen zu wollen, wie diese angesichts der Christenverfolgung im Irak derzeit weltweit zu den Christen stünden.

„Katastrophaler Judenhass“

Der Gastgeber und Zentralratspräsident Graumann nahm die Muslime in die Pflicht. Zur traurigen Wahrheit gehöre, dass diejenigen, die „widerliche Parolen“ gebrüllt hätten, überwiegend im muslimischen Umfeld zu Hause seien. Hier seien die muslimischen Verbände gefragt. Sie sollten den „katastrophalen Judenhass“ in ihren Reihen konsequenter bekämpfen. „Wann eigentlich, wenn nicht jetzt?“, fragte er. Zugleich kritisierte er, dass es der Zentralrat gewesen sei, der zur Demonstration aufgerufen habe und betonte, er wünsche sich auch ein klares Handeln anderer gesellschaftlicher Kräfte. Er machte klar: „Wenn es um Israel geht, da sind wir Juden einfach nicht neutral. Wir sollten auch gar nicht so tun, als seien wir neutral. Nein, wir sind Partei. Unsere Neutralität endet immer spätestens dort, wo die Sicherheit von Israel beginnt.“ Daran werde keine Macht der Welt etwas ändern können.

Für ein Verbot der NPD trat Klaus Wowereit im Hinblick auf die zeitgleich stattfindenden Wahlen in Brandenburg und Thüringen ein. Das Existenzrecht Israels sei „nicht verhandelbar“. Wer Gotteshäuser angreife, greife die Gesellschaft als ganzes an. „Lassen wir nicht zu, dass dieses Gift unsere Gesellschaft durchzieht“, forderte er.

Als internationaler Redner war Ronald S. Lauder vom World Jewish Congress angereist. Er brachte den akuten Antisemitismus in Deutschland auf eine einfache Formel: Erstens würden, wenn es der Wirtschaft schlecht gehe, Sündenböcke gesucht – und in den Juden gefunden. Zweitens schwappe eine erhebliche Welle des Judenhasses aus dem Nahen Osten nach Europa. Und drittens beobachte er immer wieder, dass gezielt Falschinformationen gestreut würden, um Judenhass zu entfachen.

„Kriegstreiber“- und „Free Palestine“-Rufe

Neben den Rednern waren auch zahlreiche Minister und Bundestagsabgeordnete ans Brandenburger Tor gekommen. So demonstrierten etwa Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD), Innenminister Thomas de Maizière (CDU) oder Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) ihr Eintreten gegen Antisemitismus. Auch die Fraktionsvorsitzenden aller im Bundestag vertretenen Parteien, Gregor Gysi (Linke), Anton Hofreiter (Grüne), Volker Kauder (CDU) und Thomas Oppermann (SPD) waren anwesend.

Unter die friedlichen Protestler hatten sich auch Gegendemonstranten gemischt. So wurden gegen Ende der Veranstaltung „Kriegstreiber“-Chöre laut, die sich gegen die Politik Israels richteten. Auch vereinzelte „Free Palestine“-Rufe waren zu hören. (Israelnetz)

Der Aufruf zur Kundgebung hier

Stellungnahme von Christen an der Seite Israels e.V. zu den jüngsten antisemitischen Exzessen

Die antisemitischen Exzesse der vergangenen Tage auf Deutschlands Straßen sind schockierend und unerträglich. Als Bürger einer Nation, die die Menschenwürde auf ihre Fahnen geschrieben hat, halten wir diese Ausschreitungen für nicht hinnehmbar. Als Deutsche, die wir eine grauenvolle antisemitische Vergangenheit haben, sehen wir Antisemitismus in jeder Form als völlig inakzeptabel an. Und als Christen wissen wir das jüdische Volk von Gott erwählt – diese Erwählung verlangt besonders von Christen Respekt und Anerkennung.

Man kann zu Israels Politik und zum aktuellen Gaza-Krieg unterschiedlicher Meinung sein. Jedoch muss die Ursache des Nahost-Konflikts klar benannt werden: Die Ursache ist die selbstmörderische Ideologie der radikal-islamischen Bewegungen. Der Tod zahlreicher Menschen in Gaza und Israel geht alleine auf das Konto der Hamas und ihrer Gesinnungsgenossen, die das jüdische Volk vernichten wollen. Medienschaffende und Politiker rufen wir deshalb dazu auf, den Tendenzen zu widerstehen, Israel im Nahost-Konflikt als Tätervolk zu diffamieren und damit indirekt Israels Selbstverteidigungsrecht in Frage zu stellen.

Ferner distanzieren wir uns nachdrücklich von der Annahme, dass dieser Krieg die antisemitischen Ausschreitungen der jüngsten Zeit rechtfertigen oder auch nur verständlich machen könnte. Der Judenhass, der sich hier zeigt, ist älter als der Gaza-Krieg und von grundsätzlicher Natur. Dass sich im Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg solch ein Ausmaß an Judenhass etablieren konnte, beschämt uns. Und dass diese Exzesse nur die Spitze des Eisbergs sind, ist ein offenes Geheimnis. Wir begreifen die jüngsten Vorgänge als Appell an die deutsche Gesellschaft, endlich entschieden, geschlossen und mit aller Kraft gegen Antisemitismus in ihrer Mitte aufzustehen.

Aus der Geschichte zu lernen heißt ferner, Schulterschluss mit dem jüdischen Staat zu üben. Dazu gehört neben einem eindeutigen Solidaritätsbekenntnis der Politik auch die praktische Pflege der freundschaftlichen Beziehungen auf allen Ebenen, besonders in Krisenzeiten wie diesen. Dies schließt sachbezogene Kritik im vertrauensvollen Gespräch nicht aus, verbietet aber die häufig zu hörende Besserwisserei und öffentliche Belehrung der israelischen Freunde.

Judenfeindschaft ist nicht nur eine Gefahr für Juden. Sie ist auch eine Gefahr für die ganze Gesellschaft in Deutschland. Antisemitismus gefährdet unser christlich-jüdisches Wertekonzept, unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung, das Klima unseres Zusammenlebens und auf diese Weise Glück und Zukunft unserer Kinder. Wir sind heute gefordert, unsere Gesellschaft so zu gestalten, dass auch in Zukunft alle Menschen hier in Deutschland in Frieden, Freiheit und Sicherheit leben können.

Wir fordern von Kirchen und Gesellschaft in Deutschland eine konsequente Positionierung gegen jegliche Form der Judenfeindlichkeit und von der deutschen Politik, mit allen rechtsstaatlichen Mitteln gegen Antisemitismus in Deutschland vorzugehen.

In diesem Sinne fordern wir alle Bürger Deutschlands auf zu handeln.

Zierenberg, den 31. Juli 2014

Christen an der Seite Israels e.V.

 

Dossier Antisemitismus hier


 

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