Nationale und internationale Politik würdigt Ariel Scharon

Nach dem Ableben des früheren israelischen Premierministers Ariel Scharon (Foto) am 11. Januar 2014 haben Spitzenpolitiker aus aller Welt Israel ihr Beileid übermittelt. Bundeskanzlerin Angela Merkel würdigte ihn als „Patrioten“.

Nach dem Ableben des früheren israelischen Premierministers Ariel Scharon (Foto) haben Spitzenpolitiker aus aller Welt Israel ihr Beileid übermittelt. Bundeskanzlerin Angela Merkel würdigte ihn als „Patrioten“, aus der arabischen Welt kam teils harsche Kritik an Scharons Politik. Scharon starb im Alter von 85 Jahren am 11. Januar 2014 in einem Krankenhaus nahe Ramat Gan, nachdem er seit dem 4. Januar 2006 mehr als acht Jahre lang im Koma lag.

„Mit seiner mutigen Entscheidung, die israelischen Siedler aus dem Gazastreifen abzuziehen, hat er einen historischen Schritt auf dem Weg zu einem Ausgleich mit den Palästinensern und zu einer Zwei-Staaten-Lösung getan“, teilte Merkel in Berlin mit. Scharon sei ein „israelischer Patriot“ gewesen, der sich große Verdienste um sein Land erworben habe. Auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier würdigte den Einsatz Scharons für sein Land. „Ariel Scharon war buchstäblich von Beginn an ein unermüdlicher Verteidiger seines geliebten Heimatlandes Israel“, erklärte er. „Unser Mitgefühl und unsere Anteilnahme ist mit seiner Familie und seinen Angehörigen.“

Der britische Premierminister David Cameron bezeichnete Scharon als eine der signifikantesten Figuren in der israelischen Geschichte. „Als Premierminister hat er tapfere und kontroverse Entscheidungen getroffen, um nach Frieden zu streben.“ Frankreichs Präsident François Hollande würdigte Sharon als „wichtigen Akteur in der Geschichte“ Israels, der russische Präsident Wladimir Putin bezeichnete ihn als „Verteidiger seines Volkes“. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon nannte ihn einen „Held seines Volkes“. Ban rief die Verantwortlichen in Israel auf, auf dem Erbe des früheren Regierungschefs aufzubauen und auf die „lange überfällige Errungenschaft eines unabhängigen und lebensfähigen palästinensischen Staates neben einem gesicherten Israel“ hinzuarbeiten.

US-Präsident Barack Obama bezeichnete Scharon als einen, der Israel sein Leben gewidmet habe. Gleichzeitig bekräftigte Obama die starken amerikanisch-israelischen Beziehungen. Die USA seien der Sicherheit Israels „unerschütterlich verpflichtet“ und schätzten die dauerhafte Freundschaft zwischen beiden Ländern und beiden Völkern. Der frühere US-Präsident Bill Clinton erklärte, Scharon habe sein Leben dafür gegeben, Israel zu schützen. „Es war eine Ehre, mit ihm zu arbeiten, zu diskutieren und zuzusehen, wie er stets versuchte, den richtigen Weg für sein geliebtes Land zu finden.“ Der ehemalige Präsident George W. Bush teilte per Facebook mit, es sei ihm eine Ehre gewesen, Scharon einen Freund nennen zu dürfen. „Er war ein Partner auf der Suche nach Sicherheit für das Heilige Land und einen besseren, friedlichen Nahen Osten“, so Bush.

Staatspräsident Peres sichtlich bewegt
„Mein lieber Freund, Ariel Scharon, hat heute seinen letzten Kampf verloren“, erklärte Israels Staatspräsident Schimon Peres sichtlich bewegt im Fernsehen. Er würdigte Scharon als einen der größten Beschützer und wichtigsten Architekten Israels. „Ariel war ein tapferer Soldat und kühner Führer, der seine Nation liebte und sein Land liebte ihn.“ Premierminister Benjamin Netanjahu bezeichnete Scharon als großen militärischen Führer und mutigen Kämpfer, dessen Erinnerung immer im Herzen der Nation bleiben werde. Verteidigungsminister Moshe Ja‘alon teilte mit: „Ariel Scharon war ein herausragender militärischer Kommandeur, der die israelischen Streitkräfte zu einer Armee aufgebaut hat, die den Feind schnell konfrontiert und am Ende siegt.“ Obwohl er manchmal eine andere Meinung als Scharon vertreten habe, habe er dessen Erfahrung und Führungsstärke bewundert.

Kräfte um Palästinenserpräsident Mahmud Abbas warfen Scharon „Gräueltaten“ vor. Auf Scharon warte nun Gottes Strafe, sagte das führende Fatah-Mitglied Dschamal Muhessen der Deutschen Presse-Agentur. Abbas selbst, der mit Israel Friedensgespräche führt, äußerte sich zunächst nicht zum Tode Scharons.

Scharons Sarg vor Knesset aufgebahrt
Scharons Sarg wurde am 12. Januar 2014 vor dem Parlament in Jerusalem aufgebahrt. Staatspräsident Peres legte feierlich einen Trauerkranz nieder, der in eine weiß-blaue israelische Flagge mit Davidstern gehüllt war. Hunderte Bürger kamen auf den Platz, um Scharon die letzte Ehre zu erweisen.

Am 13. Januar 2014 ist eine offizielle Trauerfeier im Parlament vorgesehen, anschließend wird Scharon mit militärischen Ehren auf seiner Farm in der Negev-Wüste beigesetzt.
Die USA sollen bei den Trauerfeierlichkeiten von Vize-Präsident Joe Biden und Deutschland von Außenminister Frank-Walter Steinmeier vertreten werden.
Israels Regierung hielt im Gedenken an Scharon am 12. Januar 2014 eine Schweigeminute ab. Das israelische Volk werde Scharon „für immer als einen der wichtigsten Anführer und mutigsten Kommandeure im Herzen behalten“, sagte Regierungschef Netanjahu. (Israelnetz)

Ariel Scharon: Ein Rückblick auf ein bewegtes Leben

Von Ulrich W.Sahm

Schon dem Staatsgründer David Ben Gurion ist der junge tapfere Kämpfer Ariel Scharon aufgefallen. Aber er traute ihm nicht.

Der Soldat Scharon ignorierte Befehle seiner Vorgesetzten und schaffte es deshalb nicht zum Oberbefehlshaber. Als Politiker verfolgte er eine pragmatische Linie, was weder seine blinden Gefolgsleute noch seine hasserfüllten Feinde wahrhaben wollten. Scharon war kein neurotischer Araberhasser oder verblendeter Siedlungsideologe. Im Laufe seiner Karriere war er stets für Überraschungen gut. Kein anderer Israeli war jemals bei den Arabern so verhasst und zugleich so respektiert.

Bei vielen Israelis galt er als gefährlicher Rechtsaußen, bis ihn die Linken zum Retter der Nation kürten. Keinem anderen israelischen Politiker wurden so viele böswillige Klischees angehängt wie „General“ Scharon. Umstritten blieb er bis zu seinem Schlaganfall am 4. Januar 2006, der ihn in ein langjähriges Koma versetzte.

Scharon blieb sich bei genauem Hinschauen stets selber treu. Er hatte immer das Wohl und das Überleben Israels im Visier und war deshalb kein Ideologe, sondern ein unberechenbarer Pragmatiker.

Die Visite auf dem Tempelberg und zweite Intifada
Die Visite Scharons auf dem Tempelberg im September 2000, die vermeintlich den zweiten Aufstand der Palästinenser auslöste, fiel noch in die Ära von Premierminister Barak. Der genehmigte mit palästinensischer Zustimmung (!) die „Provokation“ seines Oppositionschefs Scharon, obgleich er von Arafats Vorbereitungen zur Al-Aksa-Intifada seit Mai 2000 gewusst haben muss.

Scharon hatte in seiner Karriere viele Schritte getan, die ihn bei Israelis wie Arabern zum mythologischen Feind machten. Seine militärischen Attacken als Befehlshaber der legendären 101-Einheit kosteten in den fünfziger Jahren viele arabische Zivilisten das Leben. Während des Putsches von PLO-Chef Jassir Arafat 1970 in Jordanien („Schwarzer September“) empfahl Scharon, Jordanien zur „Palästinensischen Republik“ unter Arafat werden zu lassen. Die USA und Israels Regierung wollten aber König Hussein retten. Wäre damals „Palästina“ anstelle von Jordanien entstanden, sähe der Nahe Osten heute anders aus.

Mit dem befehlswidrigen Überschreiten des Suezkanals 1973 beendete Scharon siegreich den Jom-Kippur-Krieg, brachte aber die militärische wie politische Spitze Israels gegen sich auf. 1982 zerstörte er als Verteidigungsminister unter Menachem Begin alle Siedlungen auf dem Sinai und vollzog die Räumung der Halbinsel. Damit war der Friedensvertrag mit Ägypten im Mai 1982 perfekt. Einen Monat später zeichnete er sich verantwortlich für den Libanon-Feldzug bis Beirut. Eine Untersuchungskommission machte ihn mitverantwortlich für Massaker an Palästinensern in den Flüchtlingslagern Sabra und Chattilah bei Beirut. Die Massaker hatten die christlichen Verbündeten Israels unter Elie Hubeika ausgeführt. Scharon wurde lediglich beschuldigt, die Rachsucht der libanesischen Christen nicht vorhergesehen zu haben. Gleichwohl galt er fortan als „Schlächter von Beirut“, was nachweislich nicht stimmt.

Lange vor den Osloer Verträgen vermerkte Scharon in seiner Autobiografie, dass er 1982 gegen den Willen der Amerikaner die Verbannung des belagerten Arafat mitsamt seinen Kämpfern ins Exil nach Tunis durchgesetzt habe. Wie ein Prophet hatte Scharon vorhergesehen, dass Israel eines Tages mit einem „starken“ Arafat über das künftige Schicksal der Palästinenser verhandeln müsse. So wurde ausgerechnet Scharon zum Wegbereiter des 1991 von Jitzhak Rabin aufgegriffenen Friedensprozesses.

Zahl der palästinensischen Selbstmordanschläge stieg drastisch
Im März 2001 wurde Scharon nach dem größten Wahlsieg in der Geschichte Israels Premierminister. Sein Vorgänger, Ehud Barak, musste so für das Debakel des Ausbruchs der 2. Intifada büßen, nachdem er bei Friedensverhandlungen in Camp David weitreichendste Zugeständnisse gemacht hatte. Nachdem Barak nach Hunderten palästinensischen und dutzenden israelischen Toten den Aufstand nicht in den Griff bekommen hatte, versprach Scharon ein Ende des Blutvergießens. Sein erster Amtsakt im März 2001 war ein einseitiger Waffenstillstand. Die Zahl der palästinensischen Toten sank drastisch, aber palästinensische Selbstmordattentate forderten immer mehr israelische Tote.

Nein zu „biblischen Siedlungen“
In einem Interview mit der Zeitung „Ha‘aretz“ erklärte er, biblische Siedlungen wie Eli, Schilo und Tekoa nicht halten zu können. So deutete der „Vater der Siedlungspolitik“ das Ende der religiös motivierten Siedlungen an. Unter Scharon gingen die Friedensbemühungen zunächst weiter. Nach dem Mord an Tourismusminister Rehabeam Zeevi und der Aufnahme der Mörder in Arafats Mukata (Hauptquartier) beschloss Scharon im November 2001, Arafat unter Hausarrest zu stellen. Ein Selbstmordanschlag im Park-Hotel in Natanja am Abend des Passahfestes 2002 führte zum Einmarsch in die palästinensischen Autonomiegebiete . Gleichzeitig begann Scharon, einen Sperrwall zu errichten, um das Eindringen von Terroristen zu verhindern und „einseitig“ die künftige Grenze gemäß israelischen Interessen festzulegen. Heute zählt diese „Mauer“ zu den schmerzhaftesten israelischen Maßnahmen gegen die Palästinenser, wobei selten erwähnt wird, dass die Mauer eine direkte Reaktion auf palästinensische Politik war. Unerbittlich bekämpfte Scharon palästinensische Attacken mit „gezielten Tötungen“ von „tickenden Bomben“. Scheich Ahmad Jassin und Salah Schehade waren die bekanntesten Opfer seiner „außergerichtlichen Hinrichtungen“.
Scharon war der erste israelische Premierminister, der von „eroberten Gebieten“ sprach und den Begriff „palästinensischer Staat“ in den Mund genommen hat. Im Dezember 2003 verkündete er die „Abkopplung“ von den Palästinensern. Im August 2005 vollzog er den Rückzug aus Gaza und setzte mit dem Abzug aus dem Norden des Westjordanlandes der ideologischen Siedlungspolitik ein symbolisches Ende.
Von: Ulrich W. Sahm/Israelnetz

Bild: Ariel Scharon kurz bevor er am 4. Januar 2006 nach einem Schlaganfall in ein Koma fiel, von dem er sich nie wieder erholte.  Foto: Flash90

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