Vor einigen Jahren wurde am Rande einer Konferenz die Frage laut, ob wir Deutschen angesichts des Holocaust denn noch immer Buße tun müssten. „Ist es denn niemals genug, müssen wir denn ewig Buße tun?“, so lautete die Frage. Die Antwort hängt davon ab, was man unter „Buße“ versteht. Wenn man das Wesen der Buße darin sieht, dass man Gott um Vergebung bittet, dann ist es tatsächlich irgendwann genug. Wenn Gott vergeben hat, dann ist vergeben – und wir sind frei von Schuld. Geht man aber von der Grundbedeutung von metánoia aus (das ist der neutestamentlich-griechische Begriff, der meist mit „Buße“ übersetzt wird), dann verändert sich das Bußverständnis deutlich. Denn metánoia heißt im Kern „Sinnesänderung“ und ist ein Akt des Umdenkens, der zur Umkehr führt. Damit landen wir in der Kategorie des Lernens. Lerne etwas aus der Vergangenheit, mach es in Zukunft anders! Das ist etwas ganz anderes, als um Vergebung zu bitten.

Somit kann ich eine erste Antwort wagen, wobei zugleich die Frage präzisiert wird:

  • Müssen wir immer wieder Gott für dieselbe Schuld um Vergebung bitten? Nein, denn vergeben ist vergeben. In dieser Hinsicht genügt die einmalige und gründliche Aufarbeitung. (Dass wir selbst mit diesem Schritt noch längst nicht fertig sind, sei am Rande vermerkt.)
  • Müssen wir immer wieder umdenken und lernen? Ja, auf jeden Fall. Denn wir sind vor den Gefahren, denen die Kriegsgeneration unterlag, keineswegs gefeit, und wir haben aufgrund unserer Geschichte heute einen Auftrag, den es zu erfüllen gilt. Dazu unten mehr.

Wenn wir Buße im Sinne von „Umkehr“ und „Sinnesänderung“ verstehen, dann stellt sich also die Frage, was wir heute (angesichts der Schuld von damals) zu lernen und zu tun haben. Was ist denn, wenn wir des Holocaust gedenken, heute unser Auftrag? Wovon müssen wir heute umkehren, wo müssen wir heute unsere Gesinnung ändern? Das ist die Frage, die uns beschäftigen sollte. Und ich meine, Gott möchte eine Antwort auf diese Frage haben.

Buße und Gedenken

Mit diesem Bußverständnis sind wir in der Nähe dessen, was die Bibel unter „Gedenken“ versteht. Gedenken ist eine lebendige Form des Erinnerns, so dass durch das Erinnern der Vergangenheit die Gegenwart verändert wird. Denken wir beispielsweise an den Mann an jenem Kreuz, das neben dem Kreuz Jesu stand. Er sagte: „Jesus, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst“ (Lk 23,42). Die Hoffnung hier war sicher nicht die, dass Jesus ein paar schlechte Erinnerungen mit in die Ewigkeit nehmen sollte. Vielmehr erbat sich dieser Mann, dass Jesus sich vor Gott für ihn einsetzen möge – deshalb die Bitte, seiner zu gedenken. – Das Denken an Vergangenes soll zum Handeln in der Gegenwart führen. Darum geht es.

Ähnlich ist es mit dem Gedenken an den Holocaust. Das Gedenken muss dazu führen, dass wir uns durch die Vergangenheit im Heute sensibilisieren lassen. Wo findet sich denn noch immer antisemitisches Gedankengut in uns, unserer Nachbarschaft, unseren Gemeinden? Wie stehen wir denn heute zu den Juden und zum Staat Israel? Haben wir denn die alte, verbrecherische Feindschaft den Juden gegenüber in eine tragfähige, von Herzen kommende Freundschaft verwandelt, die auch in Zeiten steht, in denen die halbe Welt gegen Israel ist? Wenn nicht, dann haben wir heute Grund, Buße zu tun. Denn wer, wenn nicht wir Christen, sollte dem bleibend erwählten Volk Gottes, dem „Eigentumsvolk Gottes“ (5. Mo 7,6), dem „Augapfel“ Gottes (Sach 2,12) in schweren Zeiten zur Seite stehen? Wer, wenn nicht wir Deutschen, sollte zum verlässlichen Freund und Partner Israels werden, auch und gerade dann, wenn der Rest der Welt das Gegenteil tut?

Buße und geistliches Leben

Buße ist von jeher eine Grunddisziplin der Christenheit. Schon in der Bibel wird allerorten zur Buße aufgerufen, die katholische Kirche kennt sogar ein Bußsakrament inkl. Ohrenbeichte, und ein Mann wie Martin Luther lehrte, dass das Leben der Christen eine tägliche Buße sein soll. In evangelikalen und charismatischen Kreisen heute gehört die Buße zur alltäglichen Frömmigkeitspraxis und in Erweckungsregionen ist Buße eine beständige Wirkung von Wort und Geist.

Buße ist ein zentraler Punkt des christlichen Glaubens. Doch die Buße steht nicht allein. Sie hat breite Auswirkungen. Buße macht sensibel und empfänglich für das Reden des Heiligen Geistes, für den Willen Gottes, für das Verstehen der Bibel. Wer sich nicht in Buße übt, wird irgendwann kaum mehr geistliches Leben in sich haben. Umgekehrt führt das Reden Gottes durch Wort und Geist zurück in die Buße. Buße macht sensibel für Gott, Gott führt immer wieder neu in die Buße. Das eine hängt am anderen. Das Ergebnis ist Heiligung – in ständig wachsendem Maß.

Das Gegenteil der Buße ist Unbußfertigkeit. Sosehr Buße immer näher zu Gott führt, sosehr bewirkt Unbußfertigkeit das Gegenteil: Menschen werden bequem und gleichgültig, sie werden geistlich schwerhörig, blind und „dickherzig“, also träge (Mt 13,10). Unbußfertigkeit macht unsensibel für geistliche Dinge, und diese geistliche Abstumpfung wiederum verhindert Buße. Ein Teufelskreis.

Was nun den Holocaust anbelangt, so ist zu sagen, dass die deutsche Christenheit in Sachen Buße auffallend zurückhaltend, um nicht zu sagen träge war. Man hätte doch erwarten können, dass nach 1945 eine große Bußbewegung einsetzt angesichts des Grauens des Holocaust und der Verstrickungen der Kirchen darin. Das aber war nicht der Fall. Helles Entsetzen wäre am Platze gewesen, doch die Kirchen (auch die Freikirchen) reagierten allzu träge und widerwillig. Diese Last, die Zeit der ersten Buße nicht genutzt zu haben, liegt bis heute auf den Kirchen und auch auf der deutschen Gesellschaft. M. E. ist dies einer der Gründe für die geistliche Schwere in Deutschland.

Die Gefahr des „Abhakens“

Dabei müsste es ja nicht bleiben, wenn wir nur heute Buße tun würden. Doch auch heute will man sich dem Kapitel nicht stellen. Man weicht aus, hat Wichtigeres zu tun, hält die Sache für erledigt und abgehakt. Das ist ein großer Fehler. Und der hat weit reichende Folgen:

  • Die Teile der Aufarbeitung, die noch geleistet werden müssten, bleiben unerledigt liegen. Wie viele Dorf- und Familiengeschichten sind noch im Dunkeln („bei uns gab´s so etwas nicht“), von wie vielen kleinen KZ´s auf dem Lande will keiner etwas wissen? Dass dies ein aktueller Punkt ist zeigen die starken Reaktionen auf den ZDF-Zweiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ (www.zdf.de/ZDFmediathek).
  • Wer die Sünden der Vorväter unter einer Decke des Schweigens belässt, der unterliegt weiterhin ihren zerstörerischen Auswirkungen. Und die gehen bis in die Gesundheit nach Leib, Seele und Geist hinein. Darauf weist Jobst Bittner in seinem wichtigen Buch „Die Decke des Schweigens“ hin.
  • Wer vor den Gefahren früherer Zeit die Augen verschließt, der sieht sie auch in der Gegenwart nicht. Und das kommt einer Schwächung des geistlichen Immunsystems gleich. Würden wir, die Christen, heute wieder schweigen?
  • Wer die Sünden der Vergangenheit nicht klar vor Augen hat, dem mangelt es in der Gegenwart an Motivation und Energie, das Gegenteil zu tun. Buße heißt: das Gegenteil tun. Und das kann heute nur heißen, Israel aktiv zu unterstützen. Israel ist in Gefahr. Und Israel muss mit uns als Partner rechnen können! Haben wir tief genug Buße getan, um echte Partner zu werden?
  • Wer die Buße verweigert, der sollte nicht erwarten, dass Gott seine Gebete erhört. Wir wollen Erweckung, weigern uns aber, uns selbst von Gott wecken zu lassen. Das passt nicht zusammen. Könnte es sein, dass die geringe Tiefe der Buße und Bußbereitschaft angesichts des Holocaust dazu führt, dass auch unsere Beziehung zu Israel keine echte Tiefe besitzt? Und könnte es weiter sein, dass dies einer der Gründe dafür ist, dass die Gemeinden geistlich so wenig wach und auch die deutsche Gesellschaft geistlich so unempfänglich ist? Wer an einem so gravierenden Punkt (die Ermordung und Vernichtung des Gottesvolks!) so schwerfällig dem Bußruf Gottes folgt (bis in die heutige Zeit), wie sollte er umfassend wach und feinfühlig für Gott sein können?

Buße, Auftrag und Vollmacht

Sosehr der hier skizzierte Gedankengang herausfordernd ist, sosehr liegt darin auch eine Chance. Denn wenn die Christenheit sich heute zur Buße rufen lässt, wenn sie umkehrt und ihren Auftrag Israel gegenüber annimmt, dann wird sie insgesamt geistlich sensibler und wacher werden. Sie wird an geistlich-prophetischer Kraft zunehmen, ihre Ausstrahlung auf die Gesellschaft wird wachsen, ihre Glaubwürdigkeit und Vollmacht erhöhen sich. Aufgrund ihrer geistlichen Klarheit wird sie zu einem sichtbaren Zeugnis für Jesus, und dann zeigt sie auch wieder mehr geistliche Wirksamkeit in unserem Land.

Es braucht eine geistlich starke Christenheit in Deutschland. Und die kann es nur geben, wenn sie auch an diesem Punkt – dem Umgang mit dem Holocaust, den Juden und Israel – bereit ist, Buße zu tun, dem Zeitgeist entgegenzutreten, den Auftrag an Israel anzunehmen, ihrem Herrn zu gehorchen und sensibel mit ihm mitzugehen. Wer sich dem entzieht, der verliert einen Teil seiner geistlichen Ausstrahlung und Zeugniskraft, daran führt kein Weg vorbei.

Müssen wir noch immer Buße tun? Wenn wir geistlich sensible und wirkmächtige Gemeinden haben wollen, dann kann die Antwort nur heißen: Ja, auf jeden Fall! Zu allen Zeiten werden sich Christen angesichts des Holocaust die Frage stellen müssen, ob sie zu Israel in dem Verhältnis stehen, wie der Herr selbst, Jesus Christus, es möchte: Stimmt das Maß des Einsatzes für Israel, fließt die Liebe, ist die Treue tief gegründet, steht die Partnerschaft und Freundschaft? Und wo das nicht der Fall ist, da kann es nur heißen umzukehren und die eigene Gesinnung zu ändern. – Braucht es also noch immer Buße? Ja, es braucht sie.

Tobias Krämer, CSI

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