Unsere Mitarbeiterin A. Rüger erzählt von ihrer Arbeit in der Ukraine: ,,Wir befinden uns im Landeanflug auf Kiew. Von hier oben kann man sehen, wie breit der Dnjepr nördlich der Hauptstadt ist, und wie flach – überall schauen Inseln und Sandbänke hervor. Ich versuche, mir vorzustellen, wo genau Opa’s 208.Infanteriedivison gestanden hat – in den Rückzugskämpfen im November 1943, am westlichen Dnjepr-Ufer bei Demidowo, als die russischen Truppen mit über dem Kopf gehaltenen Waffen den Dnjepr durchwateten und die überraschten deutschen Besatzer um ihr Leben laufen mussten.“

Der Dnjper ist an dieser Stelle sehr breit. Foto: A.Rüger

,,Die Kriegskinder von damals sind heute im vorgerückten Rentenalter und – wenn sie nicht von der Familie versorgt werden – in der Ukraine auf ein staatliches Almosen von 30-50 € monatlich angewiesen. Die jüdischen Überlebenden sind doppelt gezeichnet von der Jagd, die Hitlers Truppen damals auf sie machten. Im Auftrag von „Christen an der Seite Israels“ versuche ich, diejenigen zu finden, die keine Entschädigung von Deutschland erhalten und am dringendsten Hilfe benötigen.

Wera’s Geschichte

Wir treffen Wera in einer winzigen Wohnung. Sie hat gerade ihren 80. Geburtstag gefeiert. Ihr Mann ist schon lange gestorben. Wera hat viele gesundheitliche Probleme. Ständig steht sie vor der Entscheidung, ob sie von ihrer symbolischen Rente eine Mahlzeit bestreiten oder lieber ein dringend benötigtes Medikament kaufen soll. Sie kann es kaum fassen, dass ihr jemand helfen will.

Sie hat ihr ganzes Leben hier gelebt, außer damals, als der Krieg begann, ihr jüdischer Vater zur Roten Armee eingezogen wurde und ihre ukrainische Mutter sie mit ihrem Bruder zu den Großeltern aufs Dorf brachte. Doch das Kriegsende erlebten die Großeltern nicht mehr, auch nicht, wie ihr Haus bombardiert wurde. Und auch nicht, wie ihre Tochter von Nachbarn denunziert wurde, sie habe mit den Deutschen kollaboriert und wie sie in den Gulag nach Sibirien deportiert wurde und dort starb. Und wie kein Waisenhaus die Enkel aufnehmen durfte, da sie aus einer geächteten Familie stammten.

„Wir wären fast verhungert“, erinnert Wera sich. „Wir sind zu den Bauern betteln gegangen, mit geschwollenen Bäuchen. Ab und zu haben sie uns auf dem Feld arbeiten lassen und uns dafür etwas zu Essen gegeben und eine Ecke im Stroh zum Schlafen.“ 

Durch einen glücklichen Zufall  findet sie Unterschlupf bei einem alten jüdischen Ehepaar. „Ich habe gesehen, dass sie Hilfe brauchen und habe angefangen, für sie zu waschen und zu sorgen“, erzählt Wera. „Sie haben mich auf Händen getragen. Sie waren meine Retter…

Lidia’s Geschichte

Wir treten in das Wohnzimmerchen von Lidia. Sie braucht Medikamente für die Augen und Essen. „Meine Jacke reicht mir noch bis zum Sterbetag. Aber ich hätte gerne eine neue Steppdecke“, antwortet sie auf unsere Frage, was sie am meisten braucht. Sie hat schon angefangen für den Winter vorzusorgen. Im Vorraum trocknet sie Obst und Kürbiskerne. Nichts in der Welt hält sie davon ab, mir eine Tüte getrocknete Äpfel einzupacken.​

Der Vater ist in deutscher Kriegsgefangenschaft umgekommen, die Mutter wurde eines Tages „abgeholt“ und ist nie wiedergekommen. Zwischen den stalinschen Hungerjahren 1932-33, den mörderischen Kriegsjahren und den bitteren Nachkriegsjahren, starben alle ihre sechs Geschwister. Lidia ist bei den Großeltern aufgewachsen.

Ihr ganzes Leben hat sie in der Kolchose in der Landwirtschaft gearbeitet. Ihr Mann starb vor 12 Jahren. Dann starb ihr Sohn bei einem Unfall mit 37 Jahren. Dann starb ihr Enkel bei einem Unfall mit 13 Jahren. Wir können kaum glauben, was sie uns da in ein paar Sätzen erzählt.

„Ich geh‘ nicht mehr weit mit meinen zwei Stöcken. Ich lasse mir etwas vom Basar mitbringen. Aber ich habe nur noch einen Zahn. Ich würde mir gern Zähne machen lassen. Ich will noch nicht sterben!“ sagt sie, und jetzt huscht ein Lächeln über ihr altes Gesicht.

– A. Rüger (Mitarbeiterin von Christen an der Seite Israels e.V.)

Wie Sie helfen können

Mit einer Projektpatenschaft von monatlich 25 € können Sie dabei helfen, dass bedürftige Holocaustüberlebende in der Ukraine mit Lebensmitteln, Medikamenten und Heizmaterial versorgt werden.

Es besteht auch die Möglichkeit einzelne Lebensmittelpakete zu finanzieren. Ein Paket kostet 10 €. Diesen Winter warten 8.000 bedruckte Tüten darauf, mit Lebensmitteln gefüllt zu werden und Freude in ein jüdisches Herz zu bringen.

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