Zum diesjährigen Holocaust-Gedenktag Jom ha-Schoah am 24. April 2017 ist Bundesaußenminister Sigmar Gabriel zu einem offiziellen Besuch in Israel eingetroffen. Der deutsche Chefdiplomat sagte bei seiner Ankunft:

Israels Premier Benjamin Netanjahu bei seiner Ansprache in der Knesset zum Holocaust-Gedenktag am 24. April 2017. Copyright: GPO/Kobi Gideon

„Heute gedenkt Israel der Toten der Schoah, sechs Millionen Juden, die von den Nationalsozialisten in einem beispiellosen Menschheitsverbrechen ermordet worden sind. Zu diesem Tag will ich noch einmal unmissverständlich die historische Verantwortung Deutschlands für den Holocaust und die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs bekennen, die uns heute leitet. Sie ist uns Heutigen Mahnung und Verpflichtung – einzutreten gegen Antisemitismus und für die Menschenwürde, für Toleranz und die Verständigung zwischen den Völkern. Das ist der Auftrag, an dem wir einst gemessen werden.
Still stehe ich heute hier in Israel vor dem bodenlosen Abgrund des Zivilisationsbruchs der Schoah, der kaum zu fassen ist – und vor dem Land, das uns Deutschen dennoch die Hand gereicht hat.“

Bundesaußenminister Sigmar Gabriel besucht Israel im Rahmen seiner dreitägigen Nahost-Reise. Sein einziger offizieller Termin am Holocaust-Gedenktag ist der Besuch von Yad Vashem, der israelischen Gedenkstätte des Holocaust. Sein Reiseprogramm setzt er am 25. April fort und wird dabei sowohl mit Vertretern der israelischen Regierung als auch der palästinensischen Autonomiebehörde in Ramallah Gespräche führen.

Zeremonie in Yad Vashem

Am Vorabend des Gedenktages fand die zentrale Gedenkzeremonie in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem statt. In seiner Ansprache erklärte Staatspräsident Reuven Rivlin, es gäbe in Israel zwei Positionen gegenüber der Schoah: Einerseits würde diese lediglich zu einem von Rassismus geprägten Ereignis von vielen in der Geschichte erklärt, bei dem die Juden Opfer geworden seien, wie an anderen Orten andere. Der andere Ansatz betrachte die Welt nur noch durch die Brille der Schoah und sähe die Hauptaufgabe des Staates Israel darin, eine neue Schoah zu verhindern.

Beide Ansätze seien jedoch falsch. Der erste ignoriere die Singularität der Schoah und auch des Antisemitismus, der seit 2.000 Jahren existiere. Die Schoah sei nicht als Verbrechen gegen die Menschheit geplant worden, sondern mit dem Ziel das jüdische Volk in Gänze zu vernichten. Der zweite Ansatz dagegen laufe Gefahr, die Welt einzuteilen, in die Gerechten unter den Völkern einerseits und antisemitische Nazis andererseits. Jede Kritik an Israel werde pauschal zu Antisemitismus erklärt. Ein solcher Ansatz gefährde die Gesellschaft nach innen, aber auch die Beziehungen nach außen. Das Judentum existiere nicht erst seit der Schoah, und es sei nicht die Angst gewesen, die das jüdische Volk 2.000 Jahre lang im Exil am Leben gehalten habe.

Rivlin erklärte, das Gedenken an den Holocaust und die Lektionen, die aus dem Völkermord am jüdischen Volk gelernt werden könnten, basierten auf drei zentralen Säulen: Selbstverteidigung, ein gemeinsames Schicksal und Menschenrechte.

„Jeder Mensch ist nach Gottes Ebenbild geschaffen. Dies ist eine heilige Pflicht, der sich das jüdische Volk nicht entziehen kann und will. Immer. In jeder Lage. Deshalb können wir auch nicht schweigen angesichts der Schrecken, die sich in weiter Ferne ereignen und ganz sicher nicht derer, die auf der anderen Seite des Zauns stattfinden“, so Rivlin.
Sirenen
Am Vormittag des 24. April 2017 um 10.00 Uhr Ortszeit ertönten, wie alljährlich an jedem Holocaust-Gedenktag, in ganz Israel Sirenen zur Erinnerung an die Opfer der Schoah. Während der zwei Minuten, die der Sirenenton anhält, kommt das Leben in Israel zum Stillstand.

In der Knesset, dem israelischen Parlament, hielt Israels Premier Benjamin Netanjahu eine Ansprache unter dem Leitwort: „Für jede Person gibt es einen Namen“. Darin berichtete er davon, dass die gesamte Herkunftsfamilie seines ehemaligen Schwiegervaters im Holocaust ermordet worden ist.

Zeremonie der Botschaft in Bergen-Belsen
Auch die Botschaft des Staates Israel in Deutschland hat eine Zeremonie zum Jom ha-Schoah veranstaltet. Angehörige der Botschaft reisten in die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Bergen-Belsen, wo der Gesandte der Botschaft, Avi Nir-Feldklein, einen Kranz niederlegte.
(Präsidialamt/Botschaft des Staates Israel/Auswärtiges Amt)

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